Gedankenquirl
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17.10.2008

Qual der Wahl - oder: Kompromisse bei der Belichtung

Im letzten Beitrag hatten wir uns mit den Zusammenhängen von Belichtungszeit, Blende und ISO-Wert und deren Einfluss auf die letztliche Bildbelichtung beschäftigt. Dabei war das Fazit, dass man eigentlich nahezu frei ist, wie diese drei Parameter einzustellen sind. Es gibt hunderte Möglichkeiten, die alle zur gleichen Belichtung führen. Bevor wir uns aber um die Auswirkungen verschiedener Kombinationen Gedanken machen, muss ich noch etwas Theorie nachliefern…

Belichtungszeit:

Die Belichtungszeit wird an der Kamera in festgelegten Schritten eingestellt. Diese Reihe sieht zumeist folgendermaßen aus:

30”, 15”, 8”, 4”, 2”, 1”, 0.5”, 4, 8, 15, 30, 60, 125, 250, 500, …. 8000

Dabei weist der Doppelstrich ” auf Sekunden hin. Fehlt er, handelt es sich um Bruchteile von Sekunden. 30 bedeutet also eigentlich 1/30s usw. Wie zu sehen ist, entspricht jeder Schritt in etwa einer Verdoppelung oder Halbierung der Belichtungszeit und damit der Lichtmenge.

Blende:

Auch für die Blendenöffnung gibt es eine feste Reihe. Manchmal ist diese aber zusätzlich um Zwischenschritten erweitert. Die ursprüngliche und wichtige Reihe lautet:

1, 1.4, 2, 2.8, 4, 5.6, 8, 11, 16, 22, 32, 45

Auch, wenn es diesmal nicht so offensichtlich ist, entspricht auch hier wieder ein Schritt einer Verdopplung oder Halbierung der einfallenden Lichtmenge. Dabei gibt es allerdings noch einen Haken, der immer wieder zu Missverständnissen führt. Je kleiner die Blendenzahl, desto größer (und weiter offen) die Blende. Dies ist immens wichtig. Braucht man also mehr Licht, will die Blende weiter öffnen, muss man die Zahl verkleinern.

ISO-Wert:

Wer hätte es gedacht, auch der ISO-Wert wird in festen Schrittweiten eingestellt. Die entsprechende Reihe ist:

25, 50, 100, 200, 400, 800, 1600, 3200, 6400, … (wird nach oben hin ständig erweitert)

Je höher die Zahl, desto größer die Empfindlichkeit. Und auch hier gilt wieder: Ein Schritt verdoppelt oder halbiert die erforderliche Lichtmenge.

f-Stop:

Diese nun mehrfach angesprochene Verdoppelung und Halbierung nennt man f-Stops. Sowohl Belichtungszeit, als auch Blende und ISO-Wert werden also in f-Stops eingestellt. Um die Belichtung eines Fotos konstant zu halten, muss bei Verringerung eines Parameters um einen f-Stop ein anderer um einen f-Stop erhöht werden. Ein einfaches Beispiel:

An einem sonnigen Tag (wer denkt bei diesem Regenwetter nicht gern daran), stellt man z.B. die Belichtungszeit auf 1/125, die Blende auf f16 und den ISO-Wert auf 100. Will man nun aber die Belichtungszeit auf 1/250 verkürzen (Reduzierung um einen f-Stop), muss man entweder den ISO-Wert auf 200 anheben, oder die Blende auf f11 erhöhen, um immer noch eine optimale Belichtung zu bekommen.

Nun bin ich wieder bei dem eingangs beschriebenen Problem angelegt: Woher weiß ich nun, welche Kombination ich verwende? Woher nehme ich die Gewissheit, dass in obigem Beispiel 250/11/100 besser als 125/16/100 ist? Und genau das ist der Punkt, an dem die Technik des Fotografierens aufhört und der kreative Teil anfängt. Und der Punkt, ab dem sich keine Regeln mehr aufstellen lassen, sondern man nur noch Hinweise und Daumenregeln zu Rate ziehen kann. Die eigene Kreativität, Erfahrung und Motivation spielen hier einfach zu weit rein. Und es ist weiterhin der Punkt, der den engagierten Fotografen vom Automatik-Knipser unterscheidet. Obige Regeln lassen sich nämlich wunderbar in eine Automatik einprogrammieren. Jede noch so billige (moderne) Kamera beherrscht diesen Umgang mit den f-Stops und wählt von ganz allein eine mögliche Kombination. Will man nun weg von dieser nicht zu unterschätzenden Einschränkung, muss man aber erstmal wissen, was die diversen Alternativen bringen, um es auch besser als die Kamera-Automatik machen zu können…

Belichtungszeit:


Die Belichtungszeit ermöglicht grob gesagt die Wahl zwischen scharfen eingefrorenen und weichen verschwommenen Objekten. Befindet sich ein Objekt in Bewegung (Sportler, Wasser, Windrad, …), legt es eine gewisse Strecke pro Zeit zurück. Sagen wir mal, ein Sportler fährt auf seinen Ski einen Meter pro Sekunde. Wenn die Kamera nun eine Sekunde lang belichtet, hat sich der Sportler inzwischen einen Meter bewegt, er erscheint an mehreren Orten gleichzeitig auf dem Foto. Belichtet man dagegen mit 1/1000s, hat er sich so gut wie gar nicht weiterbewegt, das Bild ist gestochen scharf und wirkt wie eingefroren. Beim Wasser sieht man dann die einzelnen Tropfen, anstatt ein Foto von fließendem Wasser zu erhalten.

Der gleiche Zusammenhang gilt jedoch auch für eigene Bewegungen, nicht nur für Bewegungen des Objektes. Je länger die Belichtung, desto stärker wirkt sich das eigene Zittern der Hände aus - das Bild wird insgesamt unschärfer. Deshalb sollte man sich an die Faustregel halten, nie länger als den Kehrwert der Brennweite zu belichten. Fotografiert man beispielsweise mit einem Objektiv bei 50mm, sollte man nicht länger als 1/50s belichten. Hierzu ist allerdings noch der Crop-Faktor zu berücksichten - das wäre ein eigenes Thema und sicherlich mal einen späteren Beitrag wert.

Blende:


Die Wahl der Blende beeinflusst die Schärfentiefe (nicht Tiefenschärfe!). Anders ausgedrückt wird damit der Bereich eingestellt, der scharf abgebildet werden soll. So ist bei geringer Schärfentiefe nur der Bereich um den fokussierten Punkt scharf, des Rest verschwimmt in Unschärfe. Bei sehr hoher Schärfentiefe ist jedoch jedes Objekt scharf abgebildet - egal, ob es sich am fokussierten Punkt oder viel weiter davor oder dahinter befindet. Dabei gilt folgender Zusammenhang: Je größer die Blende (d.h. je kleiner die Blendenzahl), desto geringer die Schärfentiefe. Oder umgekehrt: Je kleiner die Blende (d.h. je größer die Blendenzahl), desto höher die Schärfentiefe. Die Abbildung sollte dies gut verdeutlichen.

ISO-Wert:


Die ISO-Empfindlichkeit hat zunächst einmal keine Auswirkungen auf die Bildwirkung selbst. Abgesehen von der sich ändernden Belichtung (Bild wird heller/ dunkler), bleibt das Bild bei konstanter Belichtungszeit und Blende gleich - egal, welcher ISO-Wert eingestellt wurde. Nun könnte man sagen: “Ok, dann drehe ich eben ISO immer schon hoch, dann kann ich die Belichtungszeit immer sehr kurz halten und alles wird scharf.” Stimmt im Prinzip, doch die Abbildung soll dennoch einen Nachteil bei hohen ISO-Werten verdeutlichen. So nimmt das sog. Bildrauschen enorm zu, je höher ISO eingestellt wird. Das Foto wird körniger, es treten einzelne zu helle Pixel auf, es wirkt insgesamt wie auf Rauhfasertapete gemalt. So manches mal kann dies zusätzliche Stimmung verursachen und in jedem Fall ist es besser als ein verwackeltes Bild, aber wenn man wirkliche Qualität will, sollte man den ISO-Wert gering halten. Weiterhin hängt die Stärke dieses Rauschens auch von der jeweiligen Kamera ab (allg. gesagt, je billiger, desto mehr Rauschen ;) ). Und es gibt spezielle Software zum Nachträglichen Entfernen des Rauschens. Dies soll aber in diesem Beitrag erstmal nicht interessieren.

Zusammenfassung:

Wie zu sehen war, beinhaltet jeder dieser drei Faktoren positive und negative Seiten. Und man kann nicht pauschal sagen, welche Einstellung die richtige ist - das kommt immer auf die gewünschte Bildwirkung an. Um noch einmal obiges Beispiel des sonnigen Tages aufzugreifen: Will ich einen rennenden Hund scharf abbilden, dann wähle ich die Einstellung 250/11/100, oder vielleicht sogar 500/8/100. Ich belichte also so kurz wie möglich. Habe ich statt des Hundes einen Rennwagen vor mir (der vermutlich schneller unterwegs ist), dann werden selbst die 1/500s nicht reichen. Ich nehme also stattdessen 1000/8/200, 1000/5.6/100 oder 2000/5.6/200. Andere Situation: Ich möchte eine Blume fotografieren, dabei aber den Hintergrund in Unschärfe verschwimmen lassen, weil er sonst nur störend wäre. Ich brauche also eine sehr offene Blende, z.B. wäre 4000/2.8/100 keine schlechte Wahl. Diese Dinge sind zu Beginn noch etwas mühsam, können aber sehr schnell in Fleisch und Blut übergehen. Außerdem nimmt euch trotz der großen Eingriffmöglichkeiten die Kamera doch wieder einiges an Arbeit ab, wenn ihr andere Programme einstellt. Doch dazu später mehr.

Kommentare

Super Erklärung.

Ich habe nun schon seid 6 Monaten eine DSLR Kamera, und bin meistens auf die Auto Einstellung angewiesen. Selten versuche ich mein glück mit der M also Manuel Funktion.

Mir war bisher natürlich bewusst, was die Begriffe: Blende, Belichtungszeit und ISO bedeuten, und auch das sich diese enorm auf das Bild auswirken, aber der Zusammenhang dieser 3 Werte, war mir nicht so bewusst. Dank dieses Beitrages, werde ich nun einmal öfter die M Funktion nutzen.

Auch ist der Zusammenhang der Brennweite und der Belichtungszeit sehr gut verdeutlicht.

Danke und MFG

Jürgen

Das für das Feedback! Freut mich, dass ich ein bisschen dazu beitragen konnte, deine Motivation “weg von der Automatik” zu entfachen. Mit der Automatik hast du bis auf Komposition und Perspektive nahezu keinen Einfluss auf das Ergebnis. Damit unterscheidest du dich kaum vom Try-and-Error-Schnappschuss-Fotografen. Der Übergang zu den Kreativprogrammen oder sogar zum manuellen Modus wird dir, nach einiger Übung, eine ganz neue Welt öffnen. Versprochen! :)

Endlich mal eine klare und verständliche Erklärung dieser komplexen Thematik. Da könnte sich so mancher Fachbuch-Autor ne grosse Scheibe abschneiden.

Danke für den Blog. Habe bisher eine kompakte benutzt und seit kurzem die FZ100. Die hat mehr einstellmöglichkeiten und Programme als man möchte ;) und das Handbuch is ein Graus. Endlich ma ein Hinweis im Netz wie man die Einstellungen in Einklang bringt (Bei der Suche nach den einzelnen Begriffen bekommt man nur Formeln und die Funktionsweise)
Danke

Danke. Habe dank dir bessere Informationen für ein Text in der Schule.

Danke euch! Freut mich, dass ich so gut weiterhelfen konnte!

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