Gedankenquirl
Meinungen querbeet zu Fotografie, Open Source und anderen tollen Dingen.
7.01.2009

Ist Bildbearbeitung gerechtfertigt?

Oft hört man Aussagen wie: “Wer nicht fotografieren kann, muss eben nachher bearbeiten.”, “Bildbearbeitung ist nur Beschiss.” oder “Kein Wunder, mit Schummeln kann jeder gute Bilder machen.” Aber stimmt das?

Unterschied zwischen unbearbeitetem und bearbeitetem Bild.

Unterschied zwischen unbearbeitetem und bearbeitetem Bild.

Keine Frage, mit Bildbearbeitung können Bildaussagen völlig umgedeutet, Fotos unkenntlich gemacht oder Details entfernt und hinzugefügt werden. Ganz besonders gern findet man derartige Beispiele in den Medien, wo durch Bearbeitung der Fotos eine Aussage verstärkt, abgeschwächt oder überhaupt erst Berechtigung finden soll. Ein amüsanter Link-Tipp ist http://photoshopdisasters.blogspot.com/, wo derartige Dinge aufgedeckt werden.

Doch hat Foto-Nachbearbeitung nicht noch ein anderes Gesicht? Wer kennt nicht etwa die folgende Situation: Man steht auf einem Hügel und blickt über eine fantastische Landschaft. Das satte grüne Gras wiegt sich im Wind, der tiefe blaue Himmel erstreckt sich mächtig darüber und wird überzogen mit dramatischen wunderschönen Wolken. Die Sonne bricht gerade durch diese hindurch und ein Lichtstrahl streckt sich zum Boden. Und im Vordergrund steht ein Freund und lacht dich an. Du denkst sofort: “Das muss ich festhalten.” Kamera gezückt und abgedrückt, bevor der magische Moment wieder vorbei ist.
Zu Hause macht sich dann aber Ernüchterung breit: Der Himmel ist, wenn überhaupt, dann hellblau. Die Wolken sind als strukturlose weiße Flächen zu sehen. Der Lichtstrahl der durchbrechenden Sonne ist komplett verschwunden. Das Gesicht des Freundes ist viel zu dunkel. Das vormals satte Grün wirkt nun flau. Und das Schlimmste: am Bildrand liegt ein Haufen Müll mitten in der Landschaft. Deine Erinnerungen können trotz des miesen Fotos die einmalige Stimmung hervorzaubern, aber wenn du das Foto anderen Leuten zeigst, zucken sie nur die Schultern und wenden sich gelangweilt ab. Das Bild ist einfach nicht in der Lage, diesen tollen Moment zu beschreiben. Und nüchtern betrachtet - denkt man sich das Summen der Bienen, der Prickeln der Sonne auf der Haut, den Duft nach Blumen und das weiche Gras unter den Füßen weg - sah es vielleicht sogar wirklich nicht so überzeugend aus. Die Kamera hat die Szene objektiv richtig festgehalten, es fehlen lediglich alle anderen Eindrücke, die man mit seinen sieben Sinnen so wahr nimmt.
Und genau hier kommt nun die Bildbearbeitung zum Einsatz. Man schneidet den Müll weg, gibt der Wiese und dem Himmel mehr Tiefe und Sättigung, betont die Wolken und den Lichtstrahl, hellt das Gesicht des Freundes auf. Und bringt noch allerlei andere Korrekturen ein. Und plötzlich portiert dieses Foto auch objektiv betrachtet die ganzen Gefühle, die man zum Aufnahmezeitpunkt hatte. Es gibt den Zeitpunkt nicht rein visuell und penibel genau wieder, den Anspruch hat es verloren. Aber es tut etwas viel wichtigeres: es gibt den Moment wieder.

Und darum geht es letztendlich in der Fotografie doch auch, sehen wir mal von der Dokumentar- und Reportage-Fotografie ab. Den Betrachtern das Gefühl zu vermitteln, sie wären bei der Aufnahme dabei gewesen. Selbst im analogen Zeitalter der Fotografie wurde bearbeitet. Durch verschiedene Belichtungstechniken, Radierungen, Schnitt usw. konnte im Labor nachträglich nach Herzenslust geändert werden, was noch nicht so recht passte.

Natürlich, und das möchte ich nicht in Abrede stellen, kann mit Bildbearbeitung ein Foto auch komplett verändert werden. So entstehen aus einfachen Fotografien richtige Kunstwerke. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, ist aber eine weitere äußerst interessante Richtung in der Fotografie.

Wie seht ihr das, seid ihr der gleichen Meinung? Oder sollte Bildbearbeitung am besten verboten werden, weil es sämtliches Authentisches für euch zerstört? Ich bin gespannt.

Kommentare

Autentizität in der Fotografie ist eine Illusion. Die Manipulation beginnt mit der Wahl des Standortes, des Ausschnittes, der Brennweite und der Belichtung. Bei Film kann man vrschiedene Filmtypen wählen, bei der Digitalkamera noch am Weißabgleich drehen.

Warum sollte man da vor der Veränderung des Bildes in der Dunkelkammer oder am Rechner absehen? ;-)

Ich habe es mir abgewöhnt, auf Sprüche wie “Wer Bilder nachbearbeitet, kann nicht richtig fotografieren” zu reagieren und mich darüber zu ärgern - weil es einfach nicht stimmt. Aus einem Bild, was schlecht komponiert ist oder das verwackelt ist, weil eine zu lange Belichtungszeit gewählt wurde, kann auch mit EBV kein grandioses Bild mehr werden.
Nachbearbeitung ist natürlich legitim, das wurde in der analogen Fotografie schon gemacht (auch ein Ansel Adams hat seine Fotos nachbearbeitet) und in der digitalen Fotografie ergeben sich mit GIMP und Co. neue Möglichkeiten, sich als Künstler an dem Bild auszulassen und es den Look zu verleihen, den man gern haben möchte, um - wie du schon im Posting geschrieben hast - die Szene, so wie man sie _empfunden_ hat, wiederzugeben. Diese Wiedergabe ist sehr subjektiv, diese Subjektivität kann man mit der Kamera allein nicht einfangen. Bildbearbeitung kann dabei hilfreich sein, diese subjektive Empfindung zu visualisieren.
Zur Frage, ob nachbearbeitete Bilder noch authentisch sind, habe ich bei Martin im kwerfeldein-Blog mal einen Gastartikel geschrieben, vielleicht hast du Lust ihn zu lesen: http://kwerfeldein.de/index.php/2008/10/22/sind-nachbearbeitete-fotos-noch-authentisch/

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